„Alles entsprang einer großen Wurschtigkeit“
Herr Beck, Sie haben uns seit 1999 das größte Märchen der Gegenwart erzählt und jeder Figur der bisher erschienenen sechs Harry-Potter-Bände in den deutschen Hörbüchern eine eigene Stimme gegeben. Oft auch in unterschiedlichen Dialekten. Wie viele Charaktere waren das bis jetzt?
Es sind wohl 80 wesentliche Figuren. Ich habe erst bei den letzten beiden Büchern zur Sicherheit um eine elektronische Archivierung der Stimmen gebeten. Eine Figur, die im zweiten Band nur fünf Sätze hatte, könnte ja im siebten Band überraschend wieder auftauchen und eine von Joanne K. Rowling raffiniert vorausgeplante Bedeutung erlangen. Vielleicht hatte ich für den Kurzauftritt vor Jahren spontan einen Ton in Schweizerdeutsch gewählt – da muss man dann Glück haben, wenn das jetzt noch passt. Mit den Dialekten verbinden sich auch Mentalitäten und Vorstellungen bis hin zu körperlichen Eigenarten. Ein Franke klingt erst mal behäbiger, rundlicher als ein Hanseate.
Ihr Kehlkopf muss ein Wahnsinnsgedächtnis haben. Wie halten Sie all die Stimmen präsent?
Die einzelnen Figuren markiere ich mir im Text mit verschiedenen Farben, und weil es nicht so viele Farben wie Figuren gibt, kommen Punkte, Striche und andere Erkennungszeichen hinzu.
Im Buch wechseln blitzschnell die Figuren und damit Ihre Stimmen – vom schrill kreischenden Hauselfen Dobby bis zum basstiefen Wildhüter Hagrid. Wird das später montiert?
Ich spreche alles live in einem Zug, ohne technische Hilfsmittel. Nur bei Lord Voldemort benutze ich einen Halleffekt, den ich selbst während der Aufnahmen manuell bedienen kann. Geschnitten wird nur, wenn ich mich mal verspreche.
Wer als Leser über Wochen mit einem großen Roman und seinen Menschen zusammengelebt hat, wird schon wehmütig, wenn es zu Ende geht. Bei Ihnen endet mit dem siebten Band fast ein Jahrzehnt gemeinsam mit Harry Potter & Co.
Die Wehmut hält sich noch in Grenzen. Irgendwann muss einfach Schluss sein. Ich bin sogar froh und wünsche Joanne K. Rowling, dass sie wirklich Wort hält und nicht doch noch irgendwann an „Harry Potter“ weiterschreibt. Einen Mythos sollte man nicht künstlich verlängern. „Vom Winde verweht, Teil 2“, schrecklich!
Hegen Sie ernstlich Zweifel, dass dieses Jahr für immer Schluss ist mit Harry?
Keine richtig ernsten Zweifel. Vermutlich will auch Joanne K. Rowling nicht lebenslänglich nur mit „Harry Potter“ identifiziert werden . Nein, ich hoffe zum Abschluss auf ein Meisterwerk und bin wie jeder gespannt, wie es ausgeht.
Und wie geht es Ihrer Meinung nach aus?
Harry Potters Ende ist doch neben dem Aufenthaltsort von Osama bin Laden im Augenblick das bestgehütete Geheimnis der Welt.
Okay, Sie wollen es nicht gleich verraten. Wenn im Herbst die deutsche Übersetzung von „Harry Potter and the Deathly Hallows“ vorliegt, spürt ein Zauberer der Stimmen dann auch den Druck, noch ein krönendes Meisterwerk abliefern zu müssen?
Überhaupt nicht! Ich gehe da ganz entspannt ran und denke nie: Das ist nun auf CD und muss perfekt sein für die Ewigkeit. Alle meine Aufnahmen entstehen im Moment. Wie beim Jazz. Es ist viel Improvisation im Spiel.
Aber Sie haben doch Ihre Vorbereitungen getroffen.
Das schließt das Spontane nicht aus. Künstlerische Spontaneität hat ja nichts zu tun mit Dilettantismus oder Willkür. Meine Vorbereitung beginnt natürlich schon mit dem englischen Original. Am 21. Juli kriege auch ich frühmorgens von Amazon „Harry Potter and the Deathly Hallows“ und lese das sofort. Im Spätsommer folgen die Verlagsfahnen der deutschen Übersetzung, und rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft gehen wir dann für das Hörbuch ins Studio.
Wie lange dauert so eine Aufnahme?
Das hängt vom Umfang des Buchs ab. Ich lese bis zu 100 Seiten am Tag.
Sie haben drei Kinder im Alter zwischen 14 und 24. Probieren Sie bei denen bestimmte Effekte aus?
Nein, nie! Früher habe ich meinen Kindern abends Harry Potter vorgelesen, bevor ich am nächsten Tag ins Studio ging. Damit hatten die ihr Vergnügen und ich noch etwas Training. Aber ich würde mit niemandem vorher meine Interpretation besprechen. Da bin ich abergläubisch.
Abergläubisch?
Na ja, es entspricht mir nicht. Auch im Studio diskutiere ich keine Figuren vorab. Ich muss den richtigen Ton immer aus mir heraus finden. Der einzige Fall, bei dem ich mir nicht so sicher war, ist zuletzt in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ die Figur des Professors Slughorn gewesen, des neuen Lehrers zur Abwehr der dunklen Künste. Bei ihm schafft die Autorin bewusst eine große Unsicherheit, ob das ein Guter oder Böser ist, ein schleimiger Intrigant, ein Opportunist oder nur ein von der Macht eingeschüchtertes Weichei.
Er könnte ein IM des tyrannisch-terroristischen Lord Voldemort sein.
So zugespitzt habe ich das gar nicht bedacht. Aber tatsächlich hatte ich bei ihm erst zwischen Fränkisch und Sächsisch geschwankt – und das Sächsische dann verworfen. Weil es für mich zu sehr die Klischees der alten DDR-Witze bedient hätte. Slughorn bekam so das Idiom eines etwas nuscheligen Franken, mit einer manchmal alkoholisiert schweren Zunge, die das verwischt Nebulöse der Figur besser trifft.
Hatten Sie 1999 schon gewusst, dass Sie für alle sieben Bände die deutsche Stimme sein würden?
Wenn das schon festgestanden hätte, dann hätte mir der Verlag doch gleich einen Gesamtvertrag angeboten – zu den damals billigen Konditionen! Nein, wir gingen auf beiden Seiten erst mal nur von einem Buch aus. Und dachten, wir sind froh, wenn sich von der Hörkassette mehr als tausend Stück verkaufen. Niemand kannte Frau Rowling, und es waren überhaupt erst ein oder zwei Bücher geschrieben. Hätte man den Erfolg geahnt, hätten sich darum noch ganz andere Verlage gerissen.
Wie ist denn der Hörverlag auf Sie gekommen?
Der sitzt in München, und weil auch ich dort wohne, spart das schon mal die Reisekosten. Die kannten mich vor allem als Theaterschauspieler.
Nicht als Lesetalent?
Ich glaube nicht. Damals hatte ich nur mal „Pu der Bär“ im Rundfunk gelesen – die berühmten Hörbücher davon sind ja von Harry Rowohlt. Und dann gab’s von mir noch den ersten Roman von Colum McCann, „Gesang der Kojoten“, und ein paar Hörspiele. Aber ein Hörspiel mit anderen und die Sololesung eines Romans sind zwei völlig verschiedene Disziplinen. Für den Roman müssen Sie selber eine gewisse Dramatik oder hör-schauspielerische Dramaturgie entwickeln.
Ein Exempel war, wie Helmuth Qualtinger die 150 Rollen der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus vor 40 Jahren auf Schallplatte gesprochen hat. Eine solistische Symphonie: von Kaiser Wilhelms schnarrendem Preußendeutsch bis zum Wiener Puffmutterschmäh oder dem zynisch eleganten k. u. k. Kasinoton.
Der Qualtinger ist auch mein Vorbild. Und der war eben kein reiner Sprecher, sondern ein Schauspieler, ein genialer komödiantischer Performer. Sogar, wenn er Hitlers „Mein Kampf“ gelesen hat.
Hat Sie der Verlag darauf gebracht, „Harry Potter“ gleich so vielstimmig anzulegen?
Nein, das kam von mir. Ich erinnerte mich, als ich mit dem Berliner Regisseur Ulrich Gerhardt für das Deutschlandradio eine Fassung von Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“ gemacht hatte …
… ein legendärer russischer Trinkerroman …
Den habe ich im Studio schon am ersten Tag in einem Zug durchgelesen. Aber am Abend meinte Gerhardt, das sei’s noch nicht. Ich solle versuchen, die Geschichte an den kommenden Aufnahmetagen jedes Mal mit einer anderen Haltung zu lesen. Ganz egal, ob es passt. Also mal ironisch distanziert, mal melancholisch, mal alkoholisch, doch gegen das Betrunkene angehend. Man muss ja auch als Künstler gegen jede mögliche Masche immer gleich einen Widerstand setzen.
Wie der Betrunkene, der sternhagelnüchtern erscheinen will.
Genau, dann gerät man in die interessanten Schwebezustände. Und Ulrich Gerhardt hat das hinterher alles gemischt, und das klang plötzlich ganz unheimlich, ganz wunderbar, als wären da fünf Schauspieler im Studio gewesen, so dass ich kaum glauben konnte, dass jedes Mal ich das war. Es waren lauter Brüche, aber nahtlos. Für mich ist das Faszinierendste, wenn Schauspieler wie im realen Leben unvermittelte Brüche spielen können.
Zum Beispiel?
Sie streiten sich mit Ihrem Partner und haben die rotglühende Mordlust, da klingelt das Telefon, Ihr Vorgesetzter ist am Apparat, und Sie und Ihre Stimme scheinen plötzlich einem anderen zu gehören. Diese Stimmen- und Stimmungswechsel schwebten mir seit „Petuschki“ immer vor; und beim ersten „Harry Potter“ dachte ich, hier ist mal die Gelegenheit, richtig Spaß zu haben. Es geht ja um Zauberei, Verstellung, Verwandlung. Wir waren auch noch nicht im Fokus des Feuilletons, alles entsprang noch einem fast privaten Vergnügen. Einer großen Wurschtigkeit. Das ist der Geist, der bis heute in meinem „Harry Potter“ steckt. Selbst wenn die Bücher immer ernster geworden sind.
Versucht nicht auch die englische Hörbuchstimme von „Harry Potter“ ein Verwandlungsspiel?
Nein, das macht dort der Autor und Schauspieler Stephen Fry. Er liebt wie alle Engländer das Understatement und ist auch ironisch, aber es gibt weniger Kontraste und Idiome, außer dort, wo Rowling schon im Englischen Dialekt schreibt, was man in der deutschen Buchausgabe nicht mehr so merkt. Im Original spricht Harrys alter Freund, der Wildhüter Hagrid, Cockney. Ich habe versucht, der Übersetzung die Farbigkeit der gesprochenen Sprache zu geben. Außerdem komme ich vom Theater.
Das heißt was?
Dass man nicht vom Blatt spielt, dass ich eine Figur interpretieren muss. Um dem Text einen Körper und ein zweites Leben zu geben. Auch ein Hörbuch ist für mich Theater. Oder Kino für die Ohren.Wie der Film eine Szene durch Kameraeinstellungen bildlich auflöst, so arbeitet ein guter Schauspieler auch beim Lesen mit intuitiven Rhythmuswechseln, er moduliert, schlägt Bögen, setzt Pausen, wird schneller, leiser, kräftiger. Wie man durch Nahaufnahmen emotionalisiert, durch eine ruhige Kamerafahrt oder eine Totale eher Distanz schafft oder mit der Handkamera ein Bild subjektiviert, so machen wir das mit der Stimme.
Vor dem vierten „Harry“-Hörbuch hieß es mal, Sie wollten aus dem „Potter“-Projekt aussteigen.
Nein, ich wollte nie aussteigen! Es gab wurde nur fälschlich kolportiert, dass ich mehr Geld wollte.
Wäre das verwunderlich? Ihre „Potter“-Hörbücher wurden schon über zwei Millionen Mal verkauft.
An solchen Auflagen partizipiert auch der Künstler. Trotzdem hätte ich wie ein Fußballspieler, der seinen Verein in die Champions League geschossen hat, bei einem neuen Vertrag höher pokern können. Ich bin jedoch bei den alten Konditionen geblieben, weil es für alle ein Wahnsinn gewesen wäre, auf halbem Weg nicht das Pferd, aber den Reiter zu wechseln. Was denken Sie, was schon bei den ersten falschen Trennungsgerüchten auf meiner Homepage los war!
Jetzt kommt die Gretchenfrage: Glauben Sie, dass Joanne Rowling ihren Helden sterben lässt?
Das Geniale ist doch, dass man noch immer nicht ahnt, wie es ausgeht. Beim „Herrn der Ringe“ wusste man genau, worauf das hinausläuft. Obwohl „Harry Potter und der Halbblutprinz“ zuletzt schon eine achthundertseitige Vorbereitung auf das Finale war, können wir nicht sicher sagen: Es gibt nun endlich Harrys erste richtige Liebesgeschichte, dann kommt der Showdown mit Lord Voldemort und dann der Sieg des Guten. Nein, ich traue der Autorin alles zu. Auch die Enttäuschung sämtlicher Lesererwartungen.
Also halten Sie es für möglich, dass Harry stirbt?
Ja. Weil der Tod einer Figur die absolute Erlösung ist. Für die Geschichte und für die Autorin. Erst dann wäre sie von „Harry Potter“ völlig frei.
Und wenn die Erlösung der Untergang der Zaubererwelt wäre – Rowlings „Götterdämmerung“?
Daran glaube ich weniger. Weil die Zauberer stärker als die Menschen sind und sich nur selbst entzaubern könnten.
Die Götter waren auch stärker als die Menschen.
Aber ein Triumph der Menschen, der Muggel, wäre mir zu banal. Entweder gewinnt Voldemorts dunkle Magie oder Harrys helle Zauberkraft. Im Kern, denke ich, ist das ganze Epos ja eine Suche nach der verlorenen, nach der geraubten Kindheit.
Und die Erlösung ist dann wie bei Marcel Proust die wiedergefundene Zeit?
Es ist vielleicht eine doppelte Erlösungsgeschichte. Harry und Voldemort sind früh verwaist, beide waren hochbegabte Kinder, denen sofort eine messianische oder dämonische Mission auferlegt wurde: die Welt zu retten oder zu zerstören. Gleichzeitig sind sie miteinander verstrickt, und Harry muss sich, um überhaupt erwachsen zu werden, dem Bösen aussetzen. Es müsste am Ende also das ultimative Duell der beiden geben.
Bei dem auch beide zugrunde gehen können. Wenn Sie nun auf eine einzige Lösung wetten müssten …?
Hm. Ja dann: vereint im Tod. Klingt ein bisschen kitschig, aber doch: Harry kehrt heim ins Geisterreich und ist dort endlich wieder vereint mit seinen von Voldemort ermordeten Eltern.
Sie haben Joanne Rowling auf einer gemeinsamen Lesetournee näher kennengelernt. Stimmt das schöne Märchen von der Sozialhilfeempfängerin und alleinerziehenden Mutter, die zwischenrein im Coffeeshop den ersten „Harry Potter“ geschrieben hat?
Jeder Künstler strickt sich doch seine Legende, an die er mit der Zeit selber glaubt. Und dann ist es egal, ob es wirklich so war, wenn nur die Legende zu dem Menschen und seinem Werk passt.
Hat denn die Erfinderin von „Harry Potter“ im Leben auch so viel Humor wie in ihren Büchern?
Joanne ist eine eher ernste, scheue Person. Wir haben zum Beispiel über den Erfolg als goldener Käfig gesprochen. Was es kostet, daraus auszubrechen und die Freiheit zu gewinnen, wieder etwas ganz Neues zu machen. Auch Fehler. Ich könnte mir vorstellen, dass sie nach diesem unvorstellbaren Hype ein ganz anders geartetes Buch veröffentlicht. Unter Pseudonym.
Quelle: www.tagesspiegel.de
Es sind wohl 80 wesentliche Figuren. Ich habe erst bei den letzten beiden Büchern zur Sicherheit um eine elektronische Archivierung der Stimmen gebeten. Eine Figur, die im zweiten Band nur fünf Sätze hatte, könnte ja im siebten Band überraschend wieder auftauchen und eine von Joanne K. Rowling raffiniert vorausgeplante Bedeutung erlangen. Vielleicht hatte ich für den Kurzauftritt vor Jahren spontan einen Ton in Schweizerdeutsch gewählt – da muss man dann Glück haben, wenn das jetzt noch passt. Mit den Dialekten verbinden sich auch Mentalitäten und Vorstellungen bis hin zu körperlichen Eigenarten. Ein Franke klingt erst mal behäbiger, rundlicher als ein Hanseate.
Ihr Kehlkopf muss ein Wahnsinnsgedächtnis haben. Wie halten Sie all die Stimmen präsent?
Die einzelnen Figuren markiere ich mir im Text mit verschiedenen Farben, und weil es nicht so viele Farben wie Figuren gibt, kommen Punkte, Striche und andere Erkennungszeichen hinzu.
Im Buch wechseln blitzschnell die Figuren und damit Ihre Stimmen – vom schrill kreischenden Hauselfen Dobby bis zum basstiefen Wildhüter Hagrid. Wird das später montiert?
Ich spreche alles live in einem Zug, ohne technische Hilfsmittel. Nur bei Lord Voldemort benutze ich einen Halleffekt, den ich selbst während der Aufnahmen manuell bedienen kann. Geschnitten wird nur, wenn ich mich mal verspreche.
Wer als Leser über Wochen mit einem großen Roman und seinen Menschen zusammengelebt hat, wird schon wehmütig, wenn es zu Ende geht. Bei Ihnen endet mit dem siebten Band fast ein Jahrzehnt gemeinsam mit Harry Potter & Co.
Die Wehmut hält sich noch in Grenzen. Irgendwann muss einfach Schluss sein. Ich bin sogar froh und wünsche Joanne K. Rowling, dass sie wirklich Wort hält und nicht doch noch irgendwann an „Harry Potter“ weiterschreibt. Einen Mythos sollte man nicht künstlich verlängern. „Vom Winde verweht, Teil 2“, schrecklich!
Hegen Sie ernstlich Zweifel, dass dieses Jahr für immer Schluss ist mit Harry?
Keine richtig ernsten Zweifel. Vermutlich will auch Joanne K. Rowling nicht lebenslänglich nur mit „Harry Potter“ identifiziert werden . Nein, ich hoffe zum Abschluss auf ein Meisterwerk und bin wie jeder gespannt, wie es ausgeht.
Und wie geht es Ihrer Meinung nach aus?
Harry Potters Ende ist doch neben dem Aufenthaltsort von Osama bin Laden im Augenblick das bestgehütete Geheimnis der Welt.
Okay, Sie wollen es nicht gleich verraten. Wenn im Herbst die deutsche Übersetzung von „Harry Potter and the Deathly Hallows“ vorliegt, spürt ein Zauberer der Stimmen dann auch den Druck, noch ein krönendes Meisterwerk abliefern zu müssen?
Überhaupt nicht! Ich gehe da ganz entspannt ran und denke nie: Das ist nun auf CD und muss perfekt sein für die Ewigkeit. Alle meine Aufnahmen entstehen im Moment. Wie beim Jazz. Es ist viel Improvisation im Spiel.
Aber Sie haben doch Ihre Vorbereitungen getroffen.
Das schließt das Spontane nicht aus. Künstlerische Spontaneität hat ja nichts zu tun mit Dilettantismus oder Willkür. Meine Vorbereitung beginnt natürlich schon mit dem englischen Original. Am 21. Juli kriege auch ich frühmorgens von Amazon „Harry Potter and the Deathly Hallows“ und lese das sofort. Im Spätsommer folgen die Verlagsfahnen der deutschen Übersetzung, und rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft gehen wir dann für das Hörbuch ins Studio.
Wie lange dauert so eine Aufnahme?
Das hängt vom Umfang des Buchs ab. Ich lese bis zu 100 Seiten am Tag.
Sie haben drei Kinder im Alter zwischen 14 und 24. Probieren Sie bei denen bestimmte Effekte aus?
Nein, nie! Früher habe ich meinen Kindern abends Harry Potter vorgelesen, bevor ich am nächsten Tag ins Studio ging. Damit hatten die ihr Vergnügen und ich noch etwas Training. Aber ich würde mit niemandem vorher meine Interpretation besprechen. Da bin ich abergläubisch.
Abergläubisch?
Na ja, es entspricht mir nicht. Auch im Studio diskutiere ich keine Figuren vorab. Ich muss den richtigen Ton immer aus mir heraus finden. Der einzige Fall, bei dem ich mir nicht so sicher war, ist zuletzt in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ die Figur des Professors Slughorn gewesen, des neuen Lehrers zur Abwehr der dunklen Künste. Bei ihm schafft die Autorin bewusst eine große Unsicherheit, ob das ein Guter oder Böser ist, ein schleimiger Intrigant, ein Opportunist oder nur ein von der Macht eingeschüchtertes Weichei.
Er könnte ein IM des tyrannisch-terroristischen Lord Voldemort sein.
So zugespitzt habe ich das gar nicht bedacht. Aber tatsächlich hatte ich bei ihm erst zwischen Fränkisch und Sächsisch geschwankt – und das Sächsische dann verworfen. Weil es für mich zu sehr die Klischees der alten DDR-Witze bedient hätte. Slughorn bekam so das Idiom eines etwas nuscheligen Franken, mit einer manchmal alkoholisiert schweren Zunge, die das verwischt Nebulöse der Figur besser trifft.
Hatten Sie 1999 schon gewusst, dass Sie für alle sieben Bände die deutsche Stimme sein würden?
Wenn das schon festgestanden hätte, dann hätte mir der Verlag doch gleich einen Gesamtvertrag angeboten – zu den damals billigen Konditionen! Nein, wir gingen auf beiden Seiten erst mal nur von einem Buch aus. Und dachten, wir sind froh, wenn sich von der Hörkassette mehr als tausend Stück verkaufen. Niemand kannte Frau Rowling, und es waren überhaupt erst ein oder zwei Bücher geschrieben. Hätte man den Erfolg geahnt, hätten sich darum noch ganz andere Verlage gerissen.
Wie ist denn der Hörverlag auf Sie gekommen?
Der sitzt in München, und weil auch ich dort wohne, spart das schon mal die Reisekosten. Die kannten mich vor allem als Theaterschauspieler.
Nicht als Lesetalent?
Ich glaube nicht. Damals hatte ich nur mal „Pu der Bär“ im Rundfunk gelesen – die berühmten Hörbücher davon sind ja von Harry Rowohlt. Und dann gab’s von mir noch den ersten Roman von Colum McCann, „Gesang der Kojoten“, und ein paar Hörspiele. Aber ein Hörspiel mit anderen und die Sololesung eines Romans sind zwei völlig verschiedene Disziplinen. Für den Roman müssen Sie selber eine gewisse Dramatik oder hör-schauspielerische Dramaturgie entwickeln.
Ein Exempel war, wie Helmuth Qualtinger die 150 Rollen der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus vor 40 Jahren auf Schallplatte gesprochen hat. Eine solistische Symphonie: von Kaiser Wilhelms schnarrendem Preußendeutsch bis zum Wiener Puffmutterschmäh oder dem zynisch eleganten k. u. k. Kasinoton.
Der Qualtinger ist auch mein Vorbild. Und der war eben kein reiner Sprecher, sondern ein Schauspieler, ein genialer komödiantischer Performer. Sogar, wenn er Hitlers „Mein Kampf“ gelesen hat.
Hat Sie der Verlag darauf gebracht, „Harry Potter“ gleich so vielstimmig anzulegen?
Nein, das kam von mir. Ich erinnerte mich, als ich mit dem Berliner Regisseur Ulrich Gerhardt für das Deutschlandradio eine Fassung von Wenedikt Jerofejews „Reise nach Petuschki“ gemacht hatte …
… ein legendärer russischer Trinkerroman …
Den habe ich im Studio schon am ersten Tag in einem Zug durchgelesen. Aber am Abend meinte Gerhardt, das sei’s noch nicht. Ich solle versuchen, die Geschichte an den kommenden Aufnahmetagen jedes Mal mit einer anderen Haltung zu lesen. Ganz egal, ob es passt. Also mal ironisch distanziert, mal melancholisch, mal alkoholisch, doch gegen das Betrunkene angehend. Man muss ja auch als Künstler gegen jede mögliche Masche immer gleich einen Widerstand setzen.
Wie der Betrunkene, der sternhagelnüchtern erscheinen will.
Genau, dann gerät man in die interessanten Schwebezustände. Und Ulrich Gerhardt hat das hinterher alles gemischt, und das klang plötzlich ganz unheimlich, ganz wunderbar, als wären da fünf Schauspieler im Studio gewesen, so dass ich kaum glauben konnte, dass jedes Mal ich das war. Es waren lauter Brüche, aber nahtlos. Für mich ist das Faszinierendste, wenn Schauspieler wie im realen Leben unvermittelte Brüche spielen können.
Zum Beispiel?
Sie streiten sich mit Ihrem Partner und haben die rotglühende Mordlust, da klingelt das Telefon, Ihr Vorgesetzter ist am Apparat, und Sie und Ihre Stimme scheinen plötzlich einem anderen zu gehören. Diese Stimmen- und Stimmungswechsel schwebten mir seit „Petuschki“ immer vor; und beim ersten „Harry Potter“ dachte ich, hier ist mal die Gelegenheit, richtig Spaß zu haben. Es geht ja um Zauberei, Verstellung, Verwandlung. Wir waren auch noch nicht im Fokus des Feuilletons, alles entsprang noch einem fast privaten Vergnügen. Einer großen Wurschtigkeit. Das ist der Geist, der bis heute in meinem „Harry Potter“ steckt. Selbst wenn die Bücher immer ernster geworden sind.
Versucht nicht auch die englische Hörbuchstimme von „Harry Potter“ ein Verwandlungsspiel?
Nein, das macht dort der Autor und Schauspieler Stephen Fry. Er liebt wie alle Engländer das Understatement und ist auch ironisch, aber es gibt weniger Kontraste und Idiome, außer dort, wo Rowling schon im Englischen Dialekt schreibt, was man in der deutschen Buchausgabe nicht mehr so merkt. Im Original spricht Harrys alter Freund, der Wildhüter Hagrid, Cockney. Ich habe versucht, der Übersetzung die Farbigkeit der gesprochenen Sprache zu geben. Außerdem komme ich vom Theater.
Das heißt was?
Dass man nicht vom Blatt spielt, dass ich eine Figur interpretieren muss. Um dem Text einen Körper und ein zweites Leben zu geben. Auch ein Hörbuch ist für mich Theater. Oder Kino für die Ohren.Wie der Film eine Szene durch Kameraeinstellungen bildlich auflöst, so arbeitet ein guter Schauspieler auch beim Lesen mit intuitiven Rhythmuswechseln, er moduliert, schlägt Bögen, setzt Pausen, wird schneller, leiser, kräftiger. Wie man durch Nahaufnahmen emotionalisiert, durch eine ruhige Kamerafahrt oder eine Totale eher Distanz schafft oder mit der Handkamera ein Bild subjektiviert, so machen wir das mit der Stimme.
Vor dem vierten „Harry“-Hörbuch hieß es mal, Sie wollten aus dem „Potter“-Projekt aussteigen.
Nein, ich wollte nie aussteigen! Es gab wurde nur fälschlich kolportiert, dass ich mehr Geld wollte.
Wäre das verwunderlich? Ihre „Potter“-Hörbücher wurden schon über zwei Millionen Mal verkauft.
An solchen Auflagen partizipiert auch der Künstler. Trotzdem hätte ich wie ein Fußballspieler, der seinen Verein in die Champions League geschossen hat, bei einem neuen Vertrag höher pokern können. Ich bin jedoch bei den alten Konditionen geblieben, weil es für alle ein Wahnsinn gewesen wäre, auf halbem Weg nicht das Pferd, aber den Reiter zu wechseln. Was denken Sie, was schon bei den ersten falschen Trennungsgerüchten auf meiner Homepage los war!
Jetzt kommt die Gretchenfrage: Glauben Sie, dass Joanne Rowling ihren Helden sterben lässt?
Das Geniale ist doch, dass man noch immer nicht ahnt, wie es ausgeht. Beim „Herrn der Ringe“ wusste man genau, worauf das hinausläuft. Obwohl „Harry Potter und der Halbblutprinz“ zuletzt schon eine achthundertseitige Vorbereitung auf das Finale war, können wir nicht sicher sagen: Es gibt nun endlich Harrys erste richtige Liebesgeschichte, dann kommt der Showdown mit Lord Voldemort und dann der Sieg des Guten. Nein, ich traue der Autorin alles zu. Auch die Enttäuschung sämtlicher Lesererwartungen.
Also halten Sie es für möglich, dass Harry stirbt?
Ja. Weil der Tod einer Figur die absolute Erlösung ist. Für die Geschichte und für die Autorin. Erst dann wäre sie von „Harry Potter“ völlig frei.
Und wenn die Erlösung der Untergang der Zaubererwelt wäre – Rowlings „Götterdämmerung“?
Daran glaube ich weniger. Weil die Zauberer stärker als die Menschen sind und sich nur selbst entzaubern könnten.
Die Götter waren auch stärker als die Menschen.
Aber ein Triumph der Menschen, der Muggel, wäre mir zu banal. Entweder gewinnt Voldemorts dunkle Magie oder Harrys helle Zauberkraft. Im Kern, denke ich, ist das ganze Epos ja eine Suche nach der verlorenen, nach der geraubten Kindheit.
Und die Erlösung ist dann wie bei Marcel Proust die wiedergefundene Zeit?
Es ist vielleicht eine doppelte Erlösungsgeschichte. Harry und Voldemort sind früh verwaist, beide waren hochbegabte Kinder, denen sofort eine messianische oder dämonische Mission auferlegt wurde: die Welt zu retten oder zu zerstören. Gleichzeitig sind sie miteinander verstrickt, und Harry muss sich, um überhaupt erwachsen zu werden, dem Bösen aussetzen. Es müsste am Ende also das ultimative Duell der beiden geben.
Bei dem auch beide zugrunde gehen können. Wenn Sie nun auf eine einzige Lösung wetten müssten …?
Hm. Ja dann: vereint im Tod. Klingt ein bisschen kitschig, aber doch: Harry kehrt heim ins Geisterreich und ist dort endlich wieder vereint mit seinen von Voldemort ermordeten Eltern.
Sie haben Joanne Rowling auf einer gemeinsamen Lesetournee näher kennengelernt. Stimmt das schöne Märchen von der Sozialhilfeempfängerin und alleinerziehenden Mutter, die zwischenrein im Coffeeshop den ersten „Harry Potter“ geschrieben hat?
Jeder Künstler strickt sich doch seine Legende, an die er mit der Zeit selber glaubt. Und dann ist es egal, ob es wirklich so war, wenn nur die Legende zu dem Menschen und seinem Werk passt.
Hat denn die Erfinderin von „Harry Potter“ im Leben auch so viel Humor wie in ihren Büchern?
Joanne ist eine eher ernste, scheue Person. Wir haben zum Beispiel über den Erfolg als goldener Käfig gesprochen. Was es kostet, daraus auszubrechen und die Freiheit zu gewinnen, wieder etwas ganz Neues zu machen. Auch Fehler. Ich könnte mir vorstellen, dass sie nach diesem unvorstellbaren Hype ein ganz anders geartetes Buch veröffentlicht. Unter Pseudonym.
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